Articles d'Atala en texte intégral
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Article publié dans la revue ATALA, n° 9, mars 2006 : La France et l'Allemagne. Hubert Amft : Weimar und die „Grande Nation“. Versuch einer Chronik der Beziehungen Hubert Amft, docteur en philosophie, originaire de Weimar, a fait des études de lettres et de philosophie à l'Université de Leipzig, avant d'être lecteur aux éditions Brockhaus Leipzig et Böhlaus jusqu'en 1990, puis responsable de l'Office du tourisme de la ville de Weimar de 1990 à 1992. En tant qu'archviste, il publie chaque année depuis 1992 une Chronique de la ville de Weimar. Mis en ligne le 19 mars 2006. |
Weimar und die „Grande Nation“ Versuch einer Chronik der Beziehungen In dem 2001
erschienenen Tagungs-Band Weimar – Archäologie eines Ortes untersucht der
französische Wissenschaftler Michel Espagne u.a. auch die Wechselwirkung der
Weimarer Klassik mit der europäischen Kultur ihrer Zeit. Dabei resümiert
er: „Die Stadt verdankt ihren europäischen Ruhm einem komplizierten
System von Vermittlungen, bei denen Ausländer oder fremde Sprachen eine Rolle
gespielt haben[1].“ Das seit 1990
alljährlich in Weimar stattfindende internationale Kunstfest wurde 1997 unter
dem Motto „Weimar… liegt am Meer“ durchgeführt. Es stand als
Metapher für die Weltoffenheit der Stadt, für die geistigen Botschaften, die in
der Zeit der Aufklärung und in den nachfolgenden Jahrzehnten aus aller Welt in
der Stadt an der Ilm empfangen, genutzt und verarbeitet wurden. Im letzten
Viertel des 18. Jh. und in den darauffolgenden Jahrzehnten wurde die
thüringische Residenzstadt aber auch, um im Bild zu bleiben, zu einem
bedeutenden Ausgangshafen geistiger Fracht, die von hier aus ihren Weg in alle
Kontinente antrat und zu einem Dialog mit anderen Kulturen und Zivilisationen
beitrug. Den politischen,
kulturellen und sozialen Beziehungen zwischen der „Grande Nation“
und dem kleinen Weimar, Hauptstadt des zur Goethezeit ca. 130 000 Einwohner zählenden
Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach, einmal komplex – wenn auch
fragmentarisch – nachzugehen, ist eine interessante Aufgabe. An Einzeluntersuchungen,
man denke nur an die großen Themenkreise „Französische Revolution und ihre
Rezeption im klassischen Weimar“, „Goethe und Napoleon“,
„Schiller und Frankreich“ oder die Bedeutung Madame de Staëls für
die Vermittlung deutschen Kulturguts, hat es natürlich nicht gemangelt. Die
eben genannten Themen werde ich, da sie eine umfangreiche gesonderte Behandlung
erfordern, ausklammern. Viele
Jahrhunderte waren die Beziehungen zwischen Deutschland inclusive Weimar und
Frankreich sehr einseitig ausgerichtet. Frankreich war die kulturell
vorherrschende und - was die Einflüsse angeht -, dominierende Nation. Dies begann
etwa Mitte des 16. Jh. und setzte sich bis Ende des 18. Jh., ja noch darüber
hinaus fort. Man denke nur daran, welche Bedeutung die französische Sprache vor
allem seit der alles überstrahlenden Regierung des Sonnenkönigs Ludwig XIV. für
viele europäische Fürsten und den Adel gewann. An fast allen
Fürstenhöfen Deutschlands - wo sich aufgrund der anhaltenden Zersplitterung des
Landes keine starke deutsche Identität entfalten konnte -, galt es bald als
elegant, sich des Französischen in der Umgangssprache zu bedienen. Diese sehr
einseitige Orientierung änderte sich erst zu Beginn des 19. Jh., als die
deutsche Literatur und Philosophie durch Goethe, Schiller, Herder und Wieland
sowie Kant, Hegel, Schelling und Fichte europäische Bedeutung erlangte. Nicht
nur in England, sondern auch in Frankreich begann man sich für sie und damit
auch für Weimar/Jena zu interessieren. Französische Intellektuelle bereisten
nun Deutschland, übersetzten Werke der Literatur und Philosophie und berichteten
in Reisebeschreibungen über ihre Eindrücke. Die geistvolle
französische Schriftstellerin Germaine de Staël-Holstein befestigte mit ihrem
1810 erschienenen Buch De l'Allemagne den Ruf Weimars als der
„schöngeistigen Hauptstadt Deutschlands“. Sie gelangt in ihrem Buch
zu folgendem Resümee: „Von allen deutschen Fürstentümern macht
keines besser als Weimar die Vorzüge eines kleinen Landes fühlbar, dessen
Oberhaupt ein Mann von Geist ist und der, ohne daß dadurch der Gehorsam litte,
seinen Untertanen auch zu gefallen suchen kann.“ Auch in Frankreich wurde
die kleine Residenzstadt des Herzog Carl Augusts von Sachsen-Weimar nun zu
einem Begriff. Lassen Sie mich
aber zunächst noch einmal weit in die Vergangenheit zurückgehen. Die ersten
Beziehungen zwischen Weimar und Frankreich reichen fast 1500 Jahre bis in die
Zeit der Merowinger zurück. Das Königreich der Thüringer war um das Jahr 500 eines
der größten Machtzentren Mitteleuropas, eng mit dem Ostgotenreich Theoderichs
verbündet. Schmuckfunde deuten darauf hin, dass sich eine Residenz des Königs
Herminafried in der Nähe Weimars befunden hat. Im Jahre 531 wird sein
Königreich von einem fränkischen Heer unter Chlothaire I. zerschlagen. Die
wegen ihrer Schönheit und Intelligenz begehrte Prinzessin Radegunde verschleppt
man als Kriegsbeute ins Frankenreich und vermählt sie 538 mit Chlothaire I. 20
Jahre danach verläßt die Königin ihren Gatten, gründet das Kloster von St.
Croix in Tours sowie das Kloster von Poitiers und stirbt dort 587. Radegonde, wie
man sie in Frankreich nennt, wird von der merowingischen Königsfamilie und vom
Papst zur Heiligen erklärt. Im Mittelalter sind viele Kirchen und Kapellen Frankreichs
nach ihr benannt worden, u.a. gibt es auch eine Radegunden-Kapelle nahe dem
berühmten Schloß von Chinon. In Thüringen hat es an der Mühlburg b. Arnstadt
einst eine ihrem Andenken gewidmete Kapelle gegeben. Erst 1000 Jahre
später kommt es wieder zu intensiveren Kontakten zwischen Weimar und
Frankreich. Kurfürst Johann Friedrich der Großmütige, Herzog von Sachsen und
Beschützer der neuen protestantischen Lehre Martin Luthers, befürchtet in den
Jahren nach 1530 einen – wie sich später herausstellen wird, nicht zu
Unrecht – Angriff katholischer Heere unter Kaiser Karl V. Wiederholt
verhandelte er im Auftrag des Schmalkaldischen Bundes mit dem französischen
König Franz I., der mit Karl V. um die Hegemonie in Europa kämpfte. Franz I. ist
daran gelegen, möglichst viele Verbündete gegen Karl V. an sich zu binden, um
dessen Angriffsmacht zu teilen. Dennoch kommt es trotz jahrelanger Verhandlungen
zu keinem verbindlichen Abkommen. 1547 unterliegt
Johann Friedrich in der Schlacht bei Mühlberg an der Elbe gegen das Heer Karl
V., verliert den größten Teil seines Herrschaftsgebietes und wählt sich 1552
Weimar als neue Hauptstadt des verbliebenen Territoriums. Mit ihm kommen u.a.
der Maler Lucas Cranach d. Ä. und der Baumeister Nicolas Gromann nach Weimar. Die
Porträts Lucas Cranachs d. Ä., u.a. der Prinzessin Sibylle von Cleve und ihres
Bräutigams, des späteren Kurfürsten Johann Friedrich , haben 400 Jahre darauf
Picasso bei seiner „Blauen“ und „Grünen Periode“
inspiriert, worüber uns ein interessanter Dialog von Cocteau und Aragon
anläßlich eines Besuchs der Dresdener Galerie unterrichtet. Die Söhne
Johann Friedrichs des Großmütigen, vor allem Herzog Johann Wilhelm, stellen
nach dem Tode des Vaters dem französischen König gegen Erhalt von
Subsidiengeldern Weimarer Söldner in den 1560er Jahren für den Krieg gegen
Spanien zur Verfügung. Die dafür erhaltenen Summen verwendet Herzog Johann
Wilhelm für den Bau des sogenannten Grünen oder Französischen Schlosses in
Weimar. Es wird nach dem Vorbild des Schlosses von Chatillon sur Seine 1562-1564
erbaut. Der Architekt zieht dabei französische Musterbücher zu Rate und zitiert
zudem in seinen Bauten, u.a. im Französischen Bau der Veste Heldburg und beim
Altenburger Rathaus, wiederholt Architekturdetails aus Frankreich. Ihm nach Westen
hin vorgelagert entsteht in der 2. Hälfte des 16. Jh. ein französischer Lustgarten,
der - wie der Chronist zu berichten weiß - „aus der Maßen schön, lustig
und anmuthig“ aussah. Im Lustgarten befand sich inmitten der zierlich
abgeteilten Beete ein turmartiges Gebäude, das aus einem runden Becken in drei
mit Statuen geschmückten Absätzen sich verjüngend emporstieg. Es war mit einer
Wasserkunst verbunden und enthielt im untersten Teil eine Badestube. Bauakten
aus den Jahren 1573-74 bezeichnen das Bauwerk als den „durchsichtigen Turm
mitten im Garthen“. Die prächtigen Gärten von Chenonceaux, Amboise oder
Villandry an Loire und Cher vermitteln noch heute einen Eindruck, wie dieser
Lustgarten in Weimar einst ausgesehen haben mag. Im 17. Jh.
verknüpfen erneut kriegerische Auseinandersetzungen die Bande zwischen Frankreich
und Weimar. Sie sind dank gemeinsamer Interessen durchaus freundschaftlicher Natur,
obwohl ihr trauriger Abschluß eine reizvolle detektivische Aufgabe für Maigret
oder Hercule Poirot hätte sein können. Während des Dreißigjährigen Krieges
führt Herzog Bernhard von Sachsen-Weimar („Bernhard der Große“), neben dem Schwedenkönig
Gustav Adolf bedeutendster Heerführer der protestantischen Partei, nach 1630
wiederholt französische Hilfstruppen erfolgreich gegen die katholischen Heere
ins Feld. Er erobert das damals noch kaiserlich-deutsche Elsaß. Gegen den
Willen Richelieus will er sich schon zum Landgrafen (Fürsten) des Elsaß machen,
als er überraschend 1639 in Neuenburg am Rhein stirbt. Der Legende nach soll
Richelieu den Auftrag zu seiner Vergiftung gegeben haben. Wahrscheinlich aber
ist Bernhard, ein durch schwere Krankheiten und Verwundungen gezeichneter Mann,
eines natürlichen Todes gestorben. - Lange ist sein Ruhm im protestantischen
Deutschland lebendig geblieben. Noch Goethe trug sich mit dem Gedanken, die
Biographie des Feldherrn zu schreiben. 17. Jh. wächst
der Einfluß der französischen Sprache und Kultur durch die Macht- und
Prachtentfaltung der französischen Könige Ludwig XIII. und Ludwig XIV. An den
deutschen Fürstenhöfen versucht man vor allem das höfische Leben Ludwig XIV.
nachzuahmen. Die französische Sprache, die als Synonym für Eleganz und Vornehmheit
des Ausdrucks gilt, beginnt unter dem hohen und niederen Adel dominierend zu
werden. Französische Wörter finden Eingang in die deutsche Umgangssprache und
drohen zu einer Überfremdung der deutschen Sprache zu führen. Im Zusammenhang
damit sind u.a. die Bemühungen der „Fruchtbringenden Gesellschaft“ zu
sehen, die Einflüsse des Französischen zurückzudrängen und die Pflege und
Reinerhaltung der deutschen Muttersprache zu bewahren. Dichter und
Gelehrte wie Martin Opitz, Andreas Gryphius, Georg Neumark und Friedrich von
Logau gehörten später u.a. der Gesellschaft an, die am 24.8. 1617 im Weimarer
Stadtschloß gegründet wurde. 1680 beendete die Gesellschaft ihre Tätigkeit,
vielleicht auch deshalb, weil sie die Fruchtlosigkeit ihrer Bemühungen
eingesehen hatte. Aus den
endlosen Wortlisten der damals empfohlenen „Verdeutschungsbücher“
setzten sich bestenfalls einige wenige durch. Immerhin lassen sich auf die
Gewinnerseite Wörter wie „Anschrift“ für Adresse, „Glaubensbekenntnis“ für
Credo, „Bittsteller“ für Supplikant oder „Stelldichein“ für Rendezvous verbuchen
- während „Gesichtserker“, „Tageleuchter“, „Jungfrauenzwinger“ für Nase,
Fenster und Kloster nun bereits seit über drei Jahrhunderten den Spöttern als
Gegenbeweis dienen. Im Schloßbau
wird die Prachtentfaltung der französischen Könige zum nachstrebenswerten
Vorbild der deutschen Fürsten. Weimars Stadtschloß, die Wilhelmsburg, erfährt
ab 1619 nach dem Beispiel französischer Dreiflügelanlagen durch den Italiener
Bonalino eine Umgestaltung, ohne je bis zur Vollendung zu reifen. In Anlehnung
an französische Bauten verzichtet man auf den Südflügel, um das Schloß zum
Garten hin zu öffnen. Es kann als sicher angenommen werden, daß Herzog Wilhelm
IV. die für die damalige Entwicklung wichtigsten Bauten wie Schloß Coulommiers
und das Palais de Luxembourg von 1615 selbst kennengelernt hat, als er sich
1619 fast ein Jahr lang in Frankreich aufhielt. Zuvor hatte er sich, wie in
seinem Nachruf bezeugt wird, „auch auf die französische Sprache gelegt, um
sich zum künftigen Reisen in fremde Lande […] besser präparieren zu
können“. Der
„Welsche Garten“, eine Parkanlage im streng abgezirkelten Geschmack
des Barock, entsteht südlich der heutigen Ackerwand. Vor den Toren der Stadt
erbaut man - dem Versailles Ludwig XIV. trotz leerer Staatskassen nacheifernd -
auf den Höhen um Weimar am Anfang des 18. Jh. die Schlösser von Ettersburg und
Belvedere. Die
Kavaliershäuser von Belvedere werden - ich greife hier etwas vor – rund
100 Jahre später, ab 1797, einen französischen Exilanten in ihren Mauern sehen.
Es ist Jean Joseph Mounier, erster Präsident der Französischen
Nationalversammlung, der hier bis 1801 ein vornehmes Knabeninstitut in der
sogenannten „Akademie zur Ausbildung künftiger Staatsmänner“ leiten
wird. Vor allem junge Engländer, zumeist aus adligem Hause und im Alter von 17-20
Jahren, wurden hier in Politik, Militärwissenschaft, Philosophie, Stastistik
sowie Rechts- und Staatswissenschaft unterrichtet. Ziel ist es, diese Zöglinge
zu Diplomaten und Staatsbeamten auszubilden. Der jährliche Pensionspreis betrug
120 Pfund Sterling. Die Anstalt muss 1806 wegen fehlenden Zuspruchs und wohl
auch wegen der heranziehenden Kriegsgefahr geschlossen werden. Der Sohn
Meuniers wird später zu einem wichtigen Vermittler zwischen den Weimarer
Kreisen und der napoleonisch bzw. Nachnapoleonischen Ära in Frankreich. Über einen
friedlichen Wettkampf zwischen Frankreich und Deutschland berichten die Annalen
des Jahres 1717. J.S. Bach, damals noch Hoforganist und Konzertmeister in
Weimar, wird von dem sächsischen Konzertmeister Jean Baptiste Volumier nach
Dresden eingeladen. Er soll dort mit dem berühmten französischen Komponisten Louis
Marchand, Organist des Königs, zusammentreffen. Beide vereinbaren einen
Orgel-Improvisationswettbewerb. Doch die Gäste im Palais des Grafen Flemming
warten vergeblich auf Marchand. Per Extrapost verläßt er Dresden, um seinem
übermächtigen Gegner auszuweichen. Die Sprache am
Weimarer Hofe ist im 17. und 18. Jh. Französisch - man liest Racine, Molière
und später Voltaire, der beim benachbarten Gothaer Hof häufig zu Gast ist.
Allgemein überwiegt in den fürstlichen Bibliothek der Aufklärungszeit - so auch
in Weimar - das Interesse für die französischsprachige Literatur, vor allem auf
dem Gebiet der Belletristik. Zahlreiche
Bildungsreisen, die sogenannte „Grand Tour“, führen deutsche Prinzen
und Angehörige des Adels im 17. und 18. Jh. nach Frankreich und Paris. So hält
sich etwa der junge Erbprinz Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach im
Frühjahr 1775 gemeinsam mit seinem Bruder Constantin incognito in Paris auf. In
Paris ebnet der Baron Grimm, der unermüdliche Brückenbauer zwischen deutscher
und französischer Kultur, alle Wege. Die Prinzen besuchen die Comédie
Francaise, sind zu Gast in den Salons der Enzyklopädisten und erlangen eine
Audienz bei König Ludwig XVI. und Marie Antoinette im Schloß von Versailles. Mit den in
seinem „Retour à la Nature“ geäußerten Ideen beinflußt Jean-Jacques
Rousseau die um 1778 beginnende Umgestaltung des Weimarer barocken Parks in
einen englischen Landschaftspark. Im Palais der Duchesse Anna Amalia befinden
sich noch heute Houdons Porträtbüsten von Voltaire, Diderot und Rousseau. Anna
Amalia, eine Nichte des preußischen Königs Friedrich II. (der „Große“), wird
1759 bis zur Volljährigkeit ihres Sohnes Carl August Regentin des kleinen
Herzogtums. Sie beruft Christoph Martin Wieland, den damals bedeutendsten
Schriftsteller Deutschlands, 1772 als Erzieher ihrer beiden Söhne nach Weimar. Im
November 1775 trifft Goethe auf Einladung des nun regierenden Herzogs Carl
August in Weimar ein, 1776 übernimmt Herder auf Vermittlung Goethes hin eine Stelle
als Generalsuperintendent, und 1799 siedelt Schiller von Jena nach Weimar über,
um Goethe und dem Weimarer Theater näher zu sein. Weimar, eine kleine
Residenzsstadt von 7000 Einwohnern, wird zum geistigen Mittelpunkt
Deutschlands. Am Rande sei
erwähnt, daß Frankreich 1791 Schiller - versehentlich schreibt man seinen Namen
Gilles - die Ehrenbürgerwürde verleiht. Als er sie 1793 überreicht bekommt, zeigt
er sich nur noch wenig darüber erfreut. Aufgrund der Entwicklung unter den
Jakobinern geht Schiller wie auch die anderen die liberal gesinnten, der
Gironde nahestehenden deutschen Schriftsteller zumeist auf Distanz zur Revolution.
Die Haltung der vier Weimarer Großen Goethe, Herder, Schiller und Wieland zur
Französischen Revolution ist Thema zahlreicher Dissertationen gewesen, sie zu
erläutern ist im Rahmen dieses Beitrages nicht möglich. Am völlig
mißglückten deutsch-österreichischen Feldzug des Jahres 1792 gegen die
Französische Revolution nehmen als preußischer General auch Herzog Carl August
von Sachsen-Weimar-Eisenach und in seiner Begleitung Goethe teil. Am Abend der
Schlacht bei Valmy soll Goethe zu einigen Offizieren die später so oft
zitierten Worte gesprochen haben: „Von hier aus und heute geht eine
neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei
gewesen.“ Beim
Wiederaufbau des Weimarer Stadtschlosses nach dem verheerenden Brand des Jahres
1774, der zeitgleich mit der Französischen Revolution 1791 begann und kurz vor
der Katastrophe von Jena-Auerstädt im Jahre 1806 endete, wird erneut
französischer Einfluß wirksam. Die Architekten Arens und Thouret hatten, bevor
sie in Weimar nach 1791 mit ihrer Arbeit begannen, die Pariser Architektur der
Zeit eingehend studiert. 1792 zog man für die Gestaltung des Großen Saals den
französischen Architekten Charles-Louis Clérissau hinzu, dessen Entwürfe den
Bauherren Karl-August und Goethe erstmals eine Vorstellung über das mögliche
Aussehen dieses Festsaals des Weimarer Stadtschlosses gaben, obwohl sie nicht
realisiert wurden. Seine Verwendung korinthischer Säulen entsprach zudem eher
römischer Prachtentfaltung als dem in Weimar gehuldigten Ideal griechischer
Schönheit und Schlichtheit. Als nach 1800
der Berliner Architekt Heinrich Gentz die Fortführung der Bauarbeiten im
Weimarer Stadtschloß leitete, wurde vor allem bei der Gestaltung des großartigen
Treppenhauses neben englischen auch auf französische Vorbilder zurückgegriffen.
Anlage und Organisation weisen Gentz als genauen Kenner französischer
Architektur aus. Ähnlichkeit zeigt u.a. das Treppenhaus des Schlosses von
Bénouville von Ledoux. Tieck, dem wir die großartige plastische Ausgestaltung
des Treppenhauses zu verdanken haben, hatte zuvor von 1798-1801 im Atelier des
von Goethe bewunderten Jacques Louis David gearbeitet. Beim
französisch-weimarischen Kulturtransfer spielt auch das Weimarer
Industriecomptoir und sein geschäftstüchtiger Leiter Friedrich Justin Bertuch
eine besondere Rolle. Medien des Transfers waren besonders Zeitschriften und
Zeitungen, die unter verschiedenen Gesichtspunkten noch weiterer Auswertung
harren. Von den Organen Bertuchs spielten insbesondere der Teutsche und dann der Neue
Teutsche Merkur, die Allgemeine Literatur-Zeitung, das Journal
des Luxus und der Moden, die Zeitschrift London und Paris und die Nemesis eine Rolle.
Von einigem Interesse sind weiterhin die von H.A.O. Reichard herausgegebenen Cahiers
de lecture, die Bertuch 1796 kurzfristig als neue Folge in seinen
Verlag nahm. Die aus jeweils drei Monatsbroschüren bestehende Vierteljahresschrift
widmete sich mit deutlicher Affinität zur französischen Aufklärung fast
programmatisch dem Wissenstransfer zwischen Frankreich und Deutschland. Während das
Journal des Luxus und der Moden, das wesentliche Impulse von der
ersten europäischen Modezeitschrift Mercure de France erhielt, in
besonderem Maße zum Transfer von Alltagskultur beitrug und breiteste Leserkreise
erreichte, richtete sich die in sechswöchigem Rhythmus erscheinende Zeitschrift
London und Paris vornehmlich an die „gebildeten Kreise des In-
und Auslandes“. Dennoch war
ihre Auflage beachtlich, erreichte sie doch beispielsweise 1808 eine Höhe von
1250 Exemplaren. Das Journal konzentrierte sich auf statistische, politische
und weltbürgerliche Inhalte, um zu berichten „was heute in Paris, gestern
in London zu sehen war“. Im Jahre 1808
kam es zu einem politischen Skandal, obwohl sich Bertuch „vor der Politik
als vor einer Sphinx“ hatte hüten wollen. Eine englische Karikatur stellte
im Band 12 die Unterdrückung der französischen Presse dar. Daraufhin wurde das
Erscheinen der Zeitschrift auf Druck der französischen Regierung in Weimar
verboten. Das „Journal
des Luxus und der Moden“ fand vor allem bei der Damenwelt, die dadurch rasch
Kenntnis über die neuesten Pariser Kreationen auf dem Gebiet der Mode Kenntnis
erhielt, großen Anklang. Die Männer standen diesen Dingen zumeist eher
skeptisch-ironisch gegenüber. So schildert Heinrich von Kleist 1801 in einem
Brief aus Paris an seine Braut Luise von Zenge die neuesten Modetorheiten:
„Ein Aprilmonat kann kaum so schnell mit der Witterung wechseln als die
Franzosen mit der Kleidung. Bald ist ein Rock zu eng für einen, bald ist er
groß genug für zwei, und ein Kleid, das sie heut einen Schlafrock nennen,
tragen sie morgen zum Tanze, und umgekehrt. Dabei sitzt ihnen der Hintere bald
unter dem Kopf, bald über den Hacken, bald haben sie kurze Ärmel, bald keine
Hände.“ Um alle diese Modetrends schnell erfassen zu können, bediente sich
Bertuch persönlicher Informanten in Paris, und der Weimarer Künstler Georg Melchior
Kraus schuf danach seine Modekupfer, die Abbildungen für dieses erste deutsche
Kulturmagazin. Bertuch war es auch, der in seiner „Blauen Bibliothek“
vor allem „Ammen- und Feen-Mährchen“ französischer Dichter und Schriftsteller,
zu denen Charles Perrault, Catherine Caillot de Lintot, Jean-Jacques Rousseau
und Marie-Catherine d`Aulnoy gehörten, publizierte. Bereits die letzten Dezennien
des 17. Jh. hatten eine Blütezeit des französischen Märchens eingeleitet, das
nun auch in Deutschland einen Siegeszug antrat. Herausragenden
Anteil an der Berichterstattung über die Ereignisse der Französischen
Revolution hatte Christoph Martin Wieland mit seinen Artikeln im
Teutschen Merkur. Dabei wandelte sich seine anfängliche Zustimmung
im Verlaufe des Geschehens zu kritischer Distanz. Angesichts der Anarchie und
des Terrors während der Herrschaft der Jakobiner stellt Wieland 1794 seine
politische Publizistik ein. In den Jahren
1803 und 1807 hält sich die von Napoleon aus Frankreich verbannte Germaine de
Stael mehrere Monate in Weimar auf und führt dabei u.a. Gespräche mit Goethe,
Schiller, Wieland und Herzogin Anna Amalia. Später setzt sie sich als
Vermittlerin deutschen Ideen- und Gedankengutes für einen geistigen Austausch
der beiden Nationen ein. Weimar, damals eine Stadt von 7000 Einwohnern, erschien
Madame de Stael gar nicht als „kleine Stadt, sondern vielmehr ein großes
Schloß“, in dem man „durch die Weite der Gedanken den engen Grenzen
der Verhältnisse entschlüpfte“. Sie nennt Weimar „ein deutsches
Athen“. - Als Madame de Staël 1803 nach Ilm-Athen kommt und ein gern gesehener
Gast in den literarischen Zirkeln ist - der wichtigste trifft sich im Wittumspalais
der Herzogin Anna Amalia - ist die Stadt bereits ein Anziehungspunkt für
Reisende aus ganz Europa geworden. Herzogin Anna Amalia nimmt die französische
Schriftstellerin wie eine Geistesverwandte auf. Deren Wesen konnte allerdings
mitunter ausgesprochen exzentrisch sein. Mit ihrem orientalisch hochgewundenen
Turban war sie eine Erscheinung von amazonenhaftem Gepräge und insofern ein
völlig anderer Typus als die alternde Herzogin-Mutter, die noch immer ein Nachklang
des Rokoko umspielte. Wenn die Französin schrill und pathetisch die Tragödien
Racines deklamierte, schien ein Hauch des Außerordentlichen durch das Weimarer
Wittumspalais zu wehen. Dort war Madame de Staël, zusammen mit dem Schriftsteller
Benjamin Constant, der sie begleitete, fast allabendlich eingeladen, zum Souper
oder zum Kartenspiel. Übrigens hat Madame de Stael laut dem Zeugnis von Jenny
von Pappenheim ähnlich wie Goethe festgestellt: „In der Literatur wie in
der Politik haben die Deutschen zuviel Achtung vor dem Ausland und nicht genug
Nationalbewußtsein.“ – Am Weimarer Hof soll man sich zuweilen über
ihre schlechten Manieren entsetzt haben, da sie sich über jede Etikette erhaben dünkte. Daher wurde man dort
recht nervös, wenn sie erschien, denn besonders die Herzogin Luise verstand in
solchen Dingen keinen Spaß, und die Entschuldigung, ein „Schöngeist“
verdiene Nachsicht, galt vor ihr nicht. In De
l'Allemagne hat Madame de Staël ihre Eindrücke niedergeschrieben.
Goethe wunderte sich bei der Lektüre ihres Buches freilich darüber, was er und
Schiller alles Bedeutendes gesagt haben sollen. Er berichtet u.a.:
„Diese Dame redete so geschwind und ohne Atem zu holen, daß man nicht zu
Worte kam.“ Schiller sagte von Germaine: „Bei ihr wird man
ganz zum bloßen Ohr!“ Die
französische Küche erfreute sich offenbar zu Ende des 18. Jh. in Weimar bereits
einer hohen Wertschätzung. Die Herzogin Anna Amalia hatte einen französischen
Mundkoch, den aus Metz stammenden Francois Le Goullon. Nach ihrem Tode richtet
er im ältesten Bürgerhaus der Stadt (1429) nahe der Herderkirche den Gasthof
„Hotel de Saxe“ ein und baut sich ein schönes Wohnhaus direkt am
früheren „Welschen Garten“, Ackerwand 9, einer Straße mit den für die
Goethezeit in Weimar so typischen klassizistischen Fassaden. Vor einigen Jahren
wurde in Weimar noch alljährlich ein Le-Goullon-Wettbewerb für junge Köche aus
ganz Thüringen durchgeführt. Es gab einen Le-Goullon-Verein, in dem sich Männer
trafen, um köstliche Gerichte zuzubereiten. Der Baumeister
des klassischen Weimar, Clemens Wenzeslaus Coudray, ist nicht nur französischer
Abstammung, sondern hat wesentliche Eindrücke für sein weiteres Schaffen durch
seinen Aufenthalt in Paris und das Studium der modernen französischen
Architektur gewonnen. 1800 reist er in die Seine-Metropole, die damals als Initialort
der neuen, klassizistischen Architekturgesinnung galt. Bei einem ihrer bedeutendsten
Verfechter, Jean Nicolas Louis Durand (1760-1834), der seinerzeit an der
Pariser École Polytechnique als Professor lehrte, studierte er als Meisterschüler
und genoß in knapp vier Jahren (1800-1804) bei ihm eine systematische
Architekturausbildung, erhielt Arbeitsmöglichkeiten in dessen Privatatelier und
Gelegenheit zum praktischen Bauen; u.a. erteilte man ihm den Auftrag zum Umbau
des Schlosses Monceau, das dem damaligen 2. Konsul Cambacérès gehörte. Bei zwei
Wettbewerben für ein „maison de retraite“, ein Altersheim, und für
einen Volksgarten wurde Coudray unter sechzig Bewerbern jeweils der erste Preis
zugesprochen. Für Coudrays theoretische Auffassungen und sein späteres praktisches
Schaffen wird der Pariser Studienaufenthalt zum bestimmenden Erlebnis. Die von
Durand vermittelte theoretische Grundhaltung spiegeln auch viele spätere Bauten
Coudrays wider. An die ihm in Paris überlassenen großen architektonischen
Aufgaben konnte er allerdings später in Weimar aufgrund der Kleinheit der
Verhältnisse nicht wieder anknüpfen. Sicher hätten ihm Städte wie Berlin oder
München für sein Können ganz andere Entfaltungsmöglichkeiten bieten können als
die kleine thüringische Residenzstadt mit ihren bescheidenen finanziellen
Gegebenheiten. Umso mehr ist man in Weimar dafür dankbar, einen solch
begnadeten Architekten über Jahrzehnte als Oberbaumeister besessen zu haben. Französische
Artisten haben schon vor 200 Jahren in Weimar zur Unterhaltung des Hofes und
der Bürger beigetragen. Das „Weimarer Wochenblatt“ berichtet uns
darüber, dass sie Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jh. zu Gastspielen nach
Weimar kamen, eine fast schon vergessene Tradition, die in Vorbereitung des europäischen
Kulturstadtjahres 1999 mit den Auftritten französischer Straßentheatergruppen
wieder aufgenommen wurde. So führt 1790 der Franzose Burdot vor dem Reithaus Schaulustigen
ein großes Feuerwerk vor. 1821 zeigt der Kunstreiter Tourniaire Tänze auf dem
Seil und auf dem Teppich, dazu allerlei gymnastische und Reiterkünste. Er muß wohl auf
seine Kosten gekommen sein; denn im nächsten Jahr erscheint er wieder, diesmal
auch mit Löwen, Hyänen, Leoparden, Eisbären, Riesenschlangen, Affen und
Antilopen. Nach der
Schlacht bei Jena / Auerstedt (13. Oktober 1806) hält Kaiser Napoleon I. mit
seinen siegreichen Truppen Einzug in Weimar und nimmt Quartier im kurz zuvor
wiederhergestellten Stadtschloß. Die siegreichen französischen Truppen - fast
40 000 ausgehungerte, siegestrunkene, beutelüsterne Franzosen und Rheinbundsoldaten
- werfen sich am 14./15. Oktober auf die kleine Stadt, die noch immer nicht
viel mehr als 8 000 Einwohner zählte. Dabei wird u.a. der beliebte Künstler G. M.
Kraus von betrunkenen Soldaten so schwer verwundet, dass er seinen Verletzungen
bald darauf erliegt. Beherzt stellt sich Goethes Lebensgefährtin Christiane
Vulpius vor betrunkene und plündernde französische Soldaten, um das Leben
Goethes zu retten. Die Weimarer Bürgerhäuser werden ausgeraubt und teilweise
abgebrannt. Im Wittumspalais leeren die Franzosen den Weinkeller der Herzogin
Anna Amalia und richten im Schloß Tiefurt solch unermeßlichen Schaden an, dass die
Herzogin nach der Rückkehr ihren geliebten Wohnsitz als Wüstenei vorfindet und
wenige Monate nach ihrer Rückkehr verstirbt. Napoleon ist
höchst aufgebracht gegen Fürst und Land und hat die Absicht, sich dafür zu
rächen, dass der Herzog Carl August nicht nur gegen ihn zum Kampfe ausgezogen
war, sondern selbst eigene Truppen als Kontingent zur preußischen Armee
gestellt hatte. Carl Augusts Gemahlin Louise empfängt Napoleon in dem von dem
Architekten Heinrich Gentz fertiggestellten Treppenhaus des Schlosses, einem
Meisterwerk des deutschen Klassizismus. Ihrem mutigen Auftreten ist es zu verdanken,
dass der Kaiser die Fortexistenz des Herzogtums zusichert und weitere
Plünderungen der Stadt untersagt. Dennoch wird
dem Herzogtum eine Kontribution von 550 000 Talern auferlegt. Es muss den
Rheinbund beitreten und bis zum Jahre 1813 Soldaten für Napoleons Armee
stellen. In Weimar und Erfurt trifft Napoleon mit Goethe und Wieland zusammen.
Von Goethe soll er gesagt haben: „C'est un homme !“ Goethe
bleibt zeitlebens ein Bewunderer Napoleons, was ihm keine Sympathie bei den
deutschen Patrioten einbringt. - 1808 weilt Napoleon erneut in Weimar und
Erfurt, um beim Kaisertreffen in Erfurt mit Zar Alexander von Rußland
zusammenzutreffen. Alexander ist der Bruder der Weimarer Erbprinzessin Maria
Pawlowna, der späteren Großherzogin und Fördererin Franz Liszts. An den
Befreiungskriegen 1813/15 gegen Napoleon nehmen auch junge Weimarer Männer
teil. Goethes Sohn August wird durch seinen Vater daran gehindert, selbst mit
ins Feld zu ziehen und muss nach der Rückkehr der Krieger unverschuldeten Spott
und Schmähreden erdulden. Herzog Carl August, der das dritte preußische
Armeecorps bis in die Niederlande geführt hatte, gelangt 1813 nach Paris, wo
er, noch immer ein Kavalier alter Schule, Napoleons geschiedene Gattin
Josephine besucht und auf den französischen Thron die Bourbonen zurückkehren
sieht, denen die Herzogin Louise attestierte, sie seien eine „degenerierte
Rasse“. Über zwei
Jahrzehnte lebt seit 1813 eine Blutsverwandte Napoleons, Jenny von Pappenheim,
die einer illegitimen Beziehung seines Bruders Jerome und der Diana von
Pappenheim entstammt, in Weimar. Sie, ein geistvolles und schönes Mädchen, bis
zu ihrer Verheiratung Hofdame der Großherzogin Maria Pawlowna, ist eng mit der
Familie Goethe befreundet und hat unter dem Namen Jenny von Gustedt lesenswerte
Erinnerungen an die letzten Lebensjahre Goethes hinterlassen. Anfang des 20.
Jh. wurden sie von ihrer Enkelin Lily Braun unter dem Titel Im Schatten der
Titanen – gemeint sind Napoleon und Goethe - herausgegeben und damals viel gelesen.
Es spricht für den liberalen Geist Weimars, für die auch praktisch geübte
Toleranz, dass man ihre Mutter Diana von Pappenheim nach 1813 in Weimar
aufnimmt und ihr, der Geliebten Jeromes und späteren Frau des allseits geachteten
Ministers von Gersdorff, mit Respekt und Achtung entgegenkommt. In den 1840er
Jahren reist Jenny wiederholt nach Frankreich, um ihren aus dem Exil
zurückgekehrten Vater und die ebenfalls außerehelich geborene Schwester Pauline
– sie war von der Mutter Diana
im Jahre 1814 gleich nach der Geburt in ein Pariser Kloster gegeben worden –, zu
besuchen. In Paris trifft
Jenny u.a. auch mit Mitgliedern der Familie Buonaparte sowie mit Hélne
d`Orleans, der Enkelin Großherzog Carl Augusts von Sachsen-Weimar-Eisenach, im
Versailler Schloß Petit Trianon zusammen. Hélène muss nach der 1848er
Revolution mit ihren beiden Kindern - darunter dem einstigen Thronfolger -
Frankreich verlassen und ins Exil gehen. Sie lebt nach 1848 vorrangig im Großherzogtum
Sachsen-Weimar-Eisenach - in Wilhelmsthal bei Eisenach - und verstirbt später
im Londoner Exil. An den
zahlreichen Porträts und Büsten, die von Goethe existieren, hat auch ein
bedeutender französischer Künstler seinen Anteil. Der Bildhauer David d'Angers
kommt 1829 nach Weimar, um den damals fast 80jährigen Goethe zu porträtieren.
An seinen Freund schreibt er mit französischer Emphase: „Du kennst
meinen Kultus für die großen Männer; ich will die Züge eines studieren und
betrachten - Goethes: auf nach Weimar! … Ich muß seinen Kopf haben, und sollte
es den meinigen kosten.“ Am 23. August
1829 trifft David mit seinem Freund in Weimar ein. Eine anmutige künstlerische
Improvisation Davids illustriert seinen Eintritt in die Dichterstadt: die
etwa 11-jährige Tochter der Wirtin zum „Elephanten“, in welchem sie
Wohnung nehmen, flüchtet, erschrocken über den Anblick der fremdländisch
aussehenden Gäste, zu ihrem Großvater. David eilt der Kleinen hinterher:
„Welcher Zufall! Nach dieser Haartracht suche ich seit Monaten für den
Kopf meiner heiligen Cäcilie.“ Schnell bringt er mit flüchtigen Bleistiftstrichen
das Köpfchen zu Papier. In der Tat zeigt die Bildsäule der heiligen Cäcilie,
die er später in Marmor für die Kathedrale von Angers ausgeführt hat, jene Haartracht,
die noch lange bei den Mädchen in Weimar üblich war: Flechten, die an beiden
Seiten kranzförmig die Wangen einrahmen. Am 13. August 1831 schreibt Goethe an
seinen Berliner Freund Zelter: „Die kolossale Marmorbüste von Davids Hand ist
angekommen und gibt viel zu reden.“ Eine Legende, wie sie der alte Diener
Goethes, später Führer in der Bibliothek, Grosse, den Besuchern erzählt haben
soll, will wissen, Goethe habe, als er das Marmorwerk gesehen habe, einige Male
sein übliches „hem, hem“ ausgestoßen und sei dann mit einem
„kurios“ davongegangen. Die Erzählung kann sehr wohl geschichtliche
Wahrheit enthalten. Die Kolossalbüste von David schmückt heute neben anderen
Gemälden und Büsten Weimarer Künstler den Rokoko-Saal der Herzogin Anna Amalia
Bibliothek. Vielleicht hat d'Angers die antike Kolossalbüste der Junoim
Goethehaus zu diesem beeindruckenden Werk angeregt. Sie ist jedenfalls ein
großartiger Versuch, inwieweit das Genie des einen Volkes es vermag, den Geist
eines anderen in sich aufzunehmen und wieder zur Geltung zu bringen. Paul von
Bojanowski hat darüber geurteilt: „Davids Büste ist eine eigene
Mischung von Symbolismus und Porträt, mancher Zug unbestreitbar ähnlich, wenn
auch durch die Übertragung ins Kolossale fremdartig berührend, anderes wieder
durch das Streben, den Typus des Goetheschen Genius zu konstruieren, in das
Symbolische gerückt… Das Genie Goethes zieht nicht an, es überwältigt.“ Sainte-Beuve
wiederum hat gemeint, daß in dem Werk von David d'Angers nur die beiden Momente
zur Geltung kommen, die für seine, für die französische Anschauung Goethes
maßgebend gewesen sind: Jupiter und Faust-Mephistopheles. St. Beuve
sagt: „Für uns ist Goethe immer ein Fremder geblieben, ein halb
Unbekannter, eine Art majestätischen Rätsels, ein Jupiter-Ammon in einem fernen
Heiligtume. Und alle Anstrengungen, die man gemacht hat, nicht um ihn zu
popularisieren - was niemals geschehen kann - sondern ihn bei uns zu naturalisieren,
hatten bis jetzt nur einen halben Erfolg.“ Davids Büste ist ein Stück
solcher Tragik; sie ist die eines Jupiter-Ammon, eines majestätischen
Rätsels; trotz seines heißen Bemühens, sich Goethe ganz zu erschließen, hat
seine Kraft dazu nicht ausgereicht. Ein
französischer Komponist und Violonist, der 1789 in Paris geborene André
Hippolyte Chelard, wirkte von 1840-51 als Hofkapellmeister in Weimar. Als zwei
Jahre nach Johann Nepomuks Hummel im Jahre 1837 erfolgtem Tode noch immer kein berühmter
Klaviervirtuose als neuer Weimarer Hofkapellmeister gewonnen werden konnte,
griff man bei einer Art „Verlegenheitslösung“ auf Chelard als
Komponist damals erfolgreicher Opern zurück. Nicht nur Sprachprobleme
erschwerten ihm seine Tätigkeit in Weimar. Der einseitig französisch orientierte
Opernspielplan und die übermäßige Konkurrenz des seit 1844 mehrfach in Weimar
weilenden Liszt ließ Chelard wenig Achtung in Weimar erwerben. Vor dem
Hintergrund offenbar nur mäßiger, später unter seiner Leitung auch schlechter
musikalischer Leistungen erscheint Chelard heute als unglückliche, ja tragische
Figur der Weimarer Musikgeschichte. 1851 vom Dienst dispensiert und 1852 bei
vollem Gehalt beurlaubt, lebte er bis 1861 zurückgezogen in Weimar und wurde auf
dem Historischen Friedhof begraben. Der erste
Übersetzer von Goethes Faust und Heines Lyrik ins Französische, Gérard
de Nerval, ist mehrfach in Weimar zu Gast gewesen. Es gibt interessante
Schilderungen seiner Eindrücke von Stadt und Menschen, von der Aufstellung des
Herder-Denkmals im Jahre 1850, aber auch von der Weiblichkeit, die ihn tief beeindruckt
zu haben scheint. Nerval, der - wie man weiß - den Frauen und dem Weine sehr zugetan
war, hatte an den Weimarer Abenden offenbar mehrmals Mühe, in sein Hotel
„Court Russien“ zurückzufinden. Er vergleicht daher das kleine und
eigentlich sehr übersichtliche Weimar des Jahres 1850 mit dem „Labyrinth des
Minotaurus“ und schreibt erotisch enthousiasmiert über Weimars Mädchen:
„Und nichts Reizenderes gibt es als diese deutschen Mädchen in ihren
kurzen Röcken, mit ihrem gescheitelten Haar in Form von Rabenschwingen, mit
ihren langen Zöpfen und den strammen nackten Armen.“ Nerval
schildert auch die Aufführung von Herders Poem „Der entfesselte
Prometheus“ im Hoftheater, heute Deutsches Nationaltheater. Franz Liszt,
der die Chöre des Poems vertont und eine Ouvertüre geschrieben hatte, leitete
die Aufführung. Er, deutsch-ungarischer Herkunft und in Paris aufgewachsen, mit
einer polnisch-russischen Fürstin zusammenlebend, war zweifellos einer der
ersten in europäischen Dimensionen denkenden Künstler und in seinem Lebensweg
in starkem Maße von der französischen Kultur beeinflußt wurden. Als seine Idee,
in Weimar - er nannte es anfangs „La patrie de l'idéal“ - ein
europäisches Musikzentrum zu schaffen, an höfischen Intrigen scheiterte, wandte
er sich 1861 enttäuscht von Weimar ab, um nach Rom zu gehen. Zu dem Kreis von
Komponisten und Künstlern, die in Liszts Weimarer Wohnsitz, der
„Altenburg“ ein und ausgingen, gehörte auch sein enger Freund Hector
Berlioz. Berlioz weilte
insgesamt fünfmal - 1843, 1852, 1855, 1856 und 1863 - in Weimar. Er wurde stets
freundlich aufgenommen und fand die kleine Stadt „ruhig, hell und luftig,
voll Friede und Träumerei“. Berlioz brachte hier u.a. seine Sinfonie Harold
in Italien, die Opern Benvenuto Cellini und die dreiaktige
„Weimarer Fassung“ von Fausts Verdammung zur
Aufführung. Allerdings endete 1852 letztere, ohne ein Zeichen des Beifalls
seitens des Publikums hervorgerufen zu haben, was aber wahrscheinlich
daran lag, dass der Hof zugegen war und jede Beifallskundgebung untersagt
hatte. Dennoch wurde
Berlioz von der großherzoglichen Familie immer wieder nach Weimar eingeladen
und am 22. März 1852 mit dem großherzoglichen Falkenorden ausgezeichnet. Während
eines Weimarer Aufenthaltes im Februar 1855 wurde Berlioz Ehrenmitglied des
hier gegründeten Neu-Weimar-Vereins, dessen Mitglieder ihn auf der Altenburg
stürmisch feierten. Als Erinnerung an diese Tage gelten Berlioz' Grüße in einem
Brief an Liszt vom 21.7. 1855 aus Paris: „[…] et dis mille amitiés
de ma part à nos confrères du club néo-weimarien.“ Bei seinem
erneuten Besuch im Jahre 1856 führte Berlioz das Oratorium Die Kindheit des
Heilands und die Phantastische Sinfonie auf. - Ein letztes Mal, schon von
einer schweren Krankheit gezeichnet, kam der Komponist 1863 nach „Ilm-Athen“,
um hier seine komische Oper Beatrice und Benedict auf
großherzoglichen Befehl hin qualitätvoll aufgeführt zu sehen. Mit Camille
Saint-Saëns, ebenfalls einem engen Freund Franz Liszts, weilte ein weiterer
bedeutender französischer Komponist wiederholt in Weimar. In Gegenwarts Liszts
und Saint-Saens erlebte die Oper Samson und Dalila ihre deutsche
Uraufführung im Jahre 1877 im Weimarer Hoftheater. Im
Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 ziehen auch Weimarer Soldaten mit in den
Krieg. An ihm nimmt auch der liberal denkende, an Kunst und Wissenschaften
außerordentliche interessierte Großherzog Carl Alexander, ohne Begeisterung und
rechte Überzeugung, teil, hinter seinem Rücken von forschen preußischen
Generalstabsoffizieren als überaus sensibler „König von Thüringen“
verhöhnt. Im Spiegelsaal von Versailles, am 18. Januar 1871, ist der Weimarer
Fürst nur eine dekorative Staffagefigur, während sein preußischer Schwager
Wilhelm durch Otto von Bismarck zum Deutschen Kaiser proklamiert wird. In
französischer Sprache, durch seine vorrangig sich in dieser Sprache
ausdrückende Mutter Maria Pawlowna war das Französische die Muttersprache des
Großherzogs, hat Carl Alexander in seinem Tagebuch die Eindrücke dieser Tage
festgehalten. Die Künstler
der Weimarer Malerschule greifen nach 1870, angeregt durch den langen Frankreich-Aufenthalt
vor allem Albert Brendels, Ideen der „Schule von Barbizon“ auf,
gehen in die Natur und in die Dörfer rund um Weimar, um diese in Skizzen und
später in Gemälden darzustellen. Vor allem Brendel bleibt zeitlebens ein
Verkünder der Lehren der „Schule von Barbizon“, der gemäß das
malerische Schaffen ausschließlich auf Naturanschauung beruhen müsse. Die Künstler
organisieren Ausstellungen der Werke französischer Impressionisten in Weimar,
u.a. 1890 bereits von Claude Monet und 1891 der Werke von Degas, Pissaro,
Sisley und Courbet, die die Arbeit von Lehrern und Studierenden der Weimarer
Kunstschule nachhaltig befruchten sollten. Schon das erste Gemälde von Claude
Monet, Frühling in den Dünen, das im März 1890 in Weimar ausgestellt
war, wird für die Weimarer Maler zu einer Sensation. Monets Kathedrale von
Rouen, aber auch die Bilder der von ihm beeinflußten deutschen Impressionisten
Kalckreuth, Gleichen-Rußwurm, Hagen, Rohlfs und Baum, sind heute ein großer
Anziehungspunkt der Weimarer Kunstsammlungen im Stadtschloss. 1885 stirbt der
letzte Goethe-Enkel Walther. Der Nachlass Goethes geht in den Besitz der
Großherzogin Sophie, einer holländischen Königstochter, und des weimarischen
Staates über. Sophie lässt das Goethe-Schiller-Archiv - heute eines der
wichtigsten Literaturarchive Deutschlands und letzter bedeutender Bau des 19.
Jh. in Weimar - über einem Ilmhang erbauen. Vorbild für das qualitätvolle
Gebäude im Stil des Historismus ist das Petit Trianon von Versailles, in dem einst
u.a. Marie Antoinette und die Mutter des potentiellen französischen
Thronfolgers, Hélne Herzogin von Orleans, eine Enkelin Großherzog Carl
Augusts, wohnten. Das Petit Trianon wiederum ist ein Bauwerk der als Louis
Seize benannten französischen Frühklassik. Entscheidend für die Wahl als
Vorbild war sein Stil, seine „Bedeutung als einer der Schlüsselbauten des
europäischen Klassizismus“, als ein von Generationen von Architekten
bewundertes Vorbild. Großherzogin
Sophie, die wie auch ihre Schwiegermutter Maria Pawlowna französisch lieber als
deutsch sprach, besaß - wie Hermann Grimm einst äußerte - „das
Weltbürgertum, das dem alten Goethe zum Vorwurf gemacht worden ist.“ Sie
hatte keinerlei Vorbehalte, den Blick nach Frankreich zu richten, gegen das man
20 Jahre zuvor noch Krieg geführt hatte. Und Hermann Grimm schrieb über das von
dem Weimarer Architekten Otto Minckert entworfene Archivgebäude: „Es ist
in der einfachen Architektur ausgeführt, die manchen Bauwerken des zur Neige
sich senkenden vorigen Jahrhunderts eigen ist, in einer gewissen Anlehnung an
die Antike, nicht aber Nachahmung ihrer Formen.“ Anfangs des 20.
Jh. unternehmen Harry Graf Kessler und der belgische Architekt, Maler und
Kunsthandwerker Henry van de Velde erneut den Versuch, Weimar zu einem Zentrum
moderner Kunst zu machen und dabei u.a. auf die Werke der französischen Impressionisten
als mögliche Vorbilder hinzuweisen. In der Kunsthalle am Goetheplatz werden
Ausstellungen mit Werken von Claude Monet, Auguste Renoir, Paul Cézanne, Edouard
Manet, Pierre Bonnard, Maurice Denis, Paul Signac, Paul Gauguin und des
Bildhauers Auguste Rodin gezeigt. Mit
Vortragsveranstaltungen über Philosophie, Literatur und Kunst soll zudem ein
Elitepublikum in Weimar herangezogen werden, das die modernen Kunstbestrebungen
unterstützen kann. Am 5. August 1903 spricht der französische Schriftsteller
und Goethe-Verehrer André Gide im kleinen Kreis vor der Weimarer
Hofgesellschaft der Erbgroßherzogin Pauline zum Thema „De l'importance du
public“, wobei er darlegt, dass Elitekünstler auch ein spezielles Publikum
brauchten. Um das potentielle Weimarer Elitepublikum auf den richtigen Weg zu
bringen, wird ihm auch etwas geschmeichelt, indem Vorbilder genannt
werden: „Eine kleine Schar wie das Publikum Perikles', die 'honnêtes
gens' um Ludwig XIV., die edlen Italiener der Renaissance und die Großen des
Weimarer Hofs.“ Die lebhafte
Anteilnahme Harry Graf Kesslers vor allem am Schaffen Rodins entwickelt sich
zum Anlaß jener Ereignisse, die 1906 unter dem Namen „Rodin-Skandal“
die deutsche Presse beschäftigten, zu Kesslers Sturz in Weimar führten und
gleichzeitig das Ende des „Neuen Weimar“ bedeuten. Während einer
Ausstellung werden Aktzeichnungen von Rodin, die dieser dem regierenden
Großherzog gewidmet hatte, gezeigt. Konservative Kreise, denen zugleich der Anlaß
für einen deutschnationalen Seitenhieb gegen Frankreich willkommen ist,
entfalten ein Kesseltreiben gegen Harry Graf Kessler, der seine Stellung als
Direktor des Weimarer Kunstgewerbemuseums aufgeben muss. Der Kunstmaler Hermann
Behmer hält in der tonangebenden thüringischen Landeszeitung die Skizzen Rodins
„für so anstößig, dass wir unsere Frauen und Töchter warnen müssen, die
Ausstellung zu besuchen“. Nach dem 1.
Weltkrieg brechen die kulturellen Beziehungen Weimars zu Frankreich weitgehend
ab. Die Weimarer Republik, die sich 1919 im Deutschen Nationaltheater ihre
Verfassung gegeben hatte, scheitert. Das Versailler Abkommen und die Besetzung
deutscher Landesteile, u.a. des Ruhrgebietes, durch französische Truppen
vermögen zudem in breiten Kreisen der Bevölkerung wenig Sympathie und Interesse
an Frankreich zu wecken. In Weimar entsteht eine unheilvolle Koalition zwischen
einem sich als unpolitisch verstehenden Bildungsbürgertum und einer aggressiven
politischen Rechten; eine Koalition, die das klassische Erbe gegen die Republik
umdeutet, die in der kulturellen Moderne eine Gefahr fürs
„Deutschtum“ und die von dem Wunsch nach einer „kulturellen
Wiedergeburt der deutschen Nation“ beseelt ist. Deutsch-nationale Kräfte
gewinnen in Weimar immer mehr die Oberhand und vereinen sich mit Verfechtern
eines völkischen Kulturideals zu einer starken konservativen Gruppierung, die
wenig Raum für eine Achtung oder gar ein Interesse an den kulturellen Leistungen
anderer Nationen lässt. Am 23.1. 1930
wird Wilhelm Frick als Innen- und Volksbildungsminister Thüringens der erste
nationalsozialistische Landesminister Deutschlands überhaupt. Man entfernt aus
den Kunstsammlungen im Stadtschloß u.a. 70 Werke der Moderne, darunter Arbeiten
von Paul Klee und Otto Dix. Nach Ausbruch
des 2. Weltkrieges ist unter den französischen Gefangenen des seit 1937
bestehenden KZ Buchenwald auf dem Ettersberg, der zum Stadtgebiet Weimars
gehört, auch Jorge Semprun, französisch schreibender spanischer Autor, der über
seine Erlebnisse im KZ das Buch Die große Reise schreiben
wird. In der Straße
der Nationen der heutigen Gedenkstätte Buchenwald gibt es eine Stele, die den
Opfern aus Frankreich gewidmet ist. Pierre Durand, ehemaliger Häftling des KZ
Buchenwald, wirkte viele Jahre als Präsident des Internationalen
Buchenwald-Komittees. Ich möchte
meinen Beitrag nicht mit Buchenwald enden, sondern mit der 1945 beginnenden
Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich, zu der auch die immer enger
werdende Städtepartnerschaft Weimars mit der schönen Stadt Blois gehört - mit
dem Austausch von Jugendgruppen, Konzerten von Künstlern in Blois und Weimar,
Ausstellungen und - was das Allerwichtigste ist - der intensiven Begegnung von
Bürgern beider Städte. Gern erinnert
man sich in Weimar auch daran, welche Begeisterung die Gastspiele französischer
Künstler, u.a. sei an die Auftritte der großartigen Straßentheatergruppen bei
den Kunstfesten und an das Konzert Charles Aznavours erinnert, in Weimar
hatten. Patrice Chereau, der große Film- und Theaterregisseur, inszenierte 1995
während des Weimarer Kunstfestes in der Theaterspielstätte „Kubus“.
Im Jahre 2005 besuchten zahlreiche Weimarer Kunstfreunde die Ausstellungen der
Werke Rodins und Maillols in den Nachbarstädten Jena und Apolda, die dank
großzügiger Bereitstellung französischer Museen – u.a. des Musée Rodin in
Paris – zu einem großen Erfolg wurden und an die Bemühungen Harry Graf
Kesslers zu Beginn des 20. Jhs. erinnerten. Nach 40 Jahren
der Isolation in der DDR-Zeit hat sich Weimar seit nun schon über 15 Jahren
wieder Europa geöffnet. Goethes Lob Weimars gegenüber Eckermann - überraschend
lokalpatriotisch bei seiner sonstigen Kritik an Stadt und Menschen - ist wieder
zu einem echten Ansporn für die Bemühungen der Kommune geworden. Wieder gehen
von Weimar „die Tore und Straßen nach
allen Enden der Welt“. Hubert Amft [1] Michel Espagne, ”Das kulturelle Gedächtnis im Kontext deutsch-französischer Kulturbeziehungen“, in : Weimar – Archäologie eines Ortes, Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 2001, S. 23-38. |
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